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Münstersche Zeitung, 20.10.2006

Was Gewalt den Kinderseelen antun kann

Soziologe Rainer Neutzling referierte

Münster - "Gewalt macht die Seele krank": Wie Kinder als Zeugen, Opfer und Täter Gewalt erleben, schilderte gestern Rainer Neutzling. Im Rahmen der vom Gesundheitshaus initiierten Vortragsreihe "Männer. Gesundheit" stellte der Soziologe Ergebnisse seiner Studie vor.

Von der Evangelischen Jugendhilfe Münsterland gGmbH hat der Kölner Autor vor geraumer Zeit den Auftrag erhalten, Tiefeninterviews mit gewalttätigen Jugendlichen im Alter zwischen 15 und 17 Jahren zu führen. Folgende Fragestellung sei für seine Erhebung grundlegend gewesen, leitete Neutzling in seinen Vortrag ein: "Wie ist das subjektive Empfinden bezüglich der Gewalterfahrung als Täter aber auch als Opfer". Schließlich könne - das habe die Auswertung seiner Studie ergeben - davon ausgegangen werden, dass alle Jugendlichen, die durch gewalttätiges Verhalten auffielen, auch selbst früher einmal Gewalt erfahren haben. Allerdings erlaube dieses Ergebnis nicht den Umkehrschluss, betonte Neutzling: "Nicht jedes Kind, dem Gewalt angetan wird, wird später also auch selbst gewalttätig".

Dennoch reiche schon eine Zeugenschaft aus, um in den Strudel zu geraten, der bis zur Gewaltbereitschaft führe. Das erste Erlebnis mit Gewalthabe traumatisierende Wirkung, wodurch das betroffene Kind in eine Art Ohnmacht falle. Als nächste Phase entwickle es Rachefantasien gegen den gewalttätigen Menschen, bevor es Gegengewalt anwende.

"Die Jugendlichen haben große seelische Defizite. Was sie brauchen sind stabile Beziehungen", sagte Neutzling. Die Realität sehe allerdings ganz anders aus: Denn da Gewalt zum Alltag gehöre, sei es für gewalttätige Jugendliche schwer, überhaupt jegliche Art von Beziehung aufzubauen. KSC


Rainer Neutzling. MZ-Foto Schade