2. Juli 2021

„Baby-Bedenk-Zeit“: Proben für den (süßen) Ernstfall

Schüler*innen im „Elternpraktikum“

Das „Mutter-Vater-Kind“-Spiel mit realistisch anmutenden Babypuppen erfreut sich schon im Kindergartenalter großer Beliebtheit. Mit diesen Spiel-Puppen haben die Baby-Simulatoren im Projekt „Baby-Bedenk-Zeit“, das seit vielen Jahren an weiterführenden Schulen angeboten wird, nicht viel zu tun. Regionalkoordinatorin Betty Loschelder ist dieser Aspekt wichtig: „Das sind keine Puppen zum Spielen. Diese RealCare-Puppen sind sehr realistische, computergesteuerte Säuglings-Simulatoren, die von den Jugendlichen während des Projekts wie ein echtes Baby behandelt werden.“

„In allen Berufen kann man Praktika absolvieren, wenn es jedoch um die Elternschaft geht, also mit die wichtigste Aufgabe im Leben, dann leider nicht. Die ‚Baby-Bedenk-Zeit‘ ist wie ein Elternpraktikum. Die jungen Menschen lernen theoretisch und praktisch, was es heißt, einen Säugling 24 Stunden lang eigenverantwortlich zu versorgen und zu pflegen“, erklärt Loschelder.



24/7 mit „Baby“

Nach vier Kurstagen folgt der spannendste Teil: Die Jungen und Mädchen bekommen jeweils für 2 bis 3 Nächte den Baby-Simulator mit nach Hause. Ab da heißt es, Windeln wechseln, füttern, wiegen, beruhigen, sobald die RealCare-Puppe schreit oder andere Laute von sich gibt. Nicht immer ist klar, was das „Baby“ gerade benötigt, das erfordert Nerven und Geduld. Alle Aktionen werden aufgezeichnet und im Anschluss ausgewertet. Die ganze Situation solle so realistisch wie möglich sein, betont Loschelder: „Die Teilnehmerinnen nehmen den Simulator auch mit in die Schule und kommen darum auch mal zu spät zum Unterricht.“

Dass besonders nachts die Nerven blank liegen können, ist nachvollziehbar. Wenn der Simulator immer wieder schreit, kommt es gelegentlich zu einer Überreaktion der Jugendlichen, was sich spätestens in der Auswertung am PC zeigt. Innerhalb der täglichen Bereitschafssprechstunde können diese Probleme spontan aufgegriffen werden, um nach Lösungen zu suchen. Gewaltprävention kann also gar nicht früh genug ansetzen.

Präventivarbeit schon vor der Schwangerschaft

„Die Simulatoren werden technisch immer perfider. Es wird sogar aufgezeichnet, wie die Puppe gehalten wird, ob der Kopf gut gestützt ist oder ob sie zu warme Kleidung trägt“, berichtet Loschelder. “Wir haben seit kurzem zwei Puppen, die zeigen, wie sich Drogen- und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft auswirken. Diesen Simulatoren sieht man die Schädigung einerseits an und sie verhalten sich auch entsprechend. Das drogengeschädigte Baby schreit durchgängig, weil es einen Entzug durchlebt. Das erzeugt große Betroffenheit bei den Jugendlichen.“

„Ich will ein Baby! – Aber nicht jetzt“

Auf die Frage, wie das Feedback am Ende des Praktikums ist, schwärmt Loschelder: „Die Jugendlichen sind immer ganz begeistert (und die Trainerinnen auch) weil es einfach ein tolles Projekt ist, das allen Beteiligten großen Spaß macht. Und wenn man die Jugendlichen fragt, wie es nun aussehe mit dem Kinderwunsch, kommt oft: ‚Kinder möchte ich auf jeden Fall mal haben, aber das hat noch etwas Zeit.“

Elternpraktikum im Clearing-Prozess bei den Flexiblen Hilfen Borken

Auch Marlies Treptow von den Flexiblen Hilfen Borken arbeitet mit RealCare-Puppen.* „Zu uns kommen allerdings Frauen, die bereits schwanger sind und im Rahmen eines vorgeburtlichen Clearings das Elternpraktikum absolvieren“, erklärt Treptow. Das Praktikum ist also ein Instrument, das Ämter unterstützt, wenn es zur Entscheidung kommt: bleibt das Neugeborene später bei der Mutter oder muss eine andere Lösung gefunden werden?
„Es kommen schwangere Teenager zu uns, aber auch Frauen, die bereits Kinder haben“, ergänzt Treptow, „bei den ganz jungen Mädchen gibt es oft illusorische Vorstellungen darüber, wie es ist, ein Baby zu haben. Da ist unser Praktikum so etwas wie ein ‚Augenöffner‘ zu einem guten Zeitpunkt, nämlich vor(!) der Geburt des Kindes.“

Eine kleine Erfolgsgeschichte ist die einer Mutter, deren zwei ältere Kinder in Pflegefamilien leben. Mit einem neuen Partner wurde sie wieder schwanger und absolvierte mit ihm gemeinsam das Praktikum. „Wir haben gemerkt, dass sie über Babypflege viel wusste und dass es in erster Linie darum ging, Stresssituationen zu bewältigen, nicht zum Alkohol zu greifen und den Partner mit zu involvieren. Es war spannend, zu beobachten, wie die Kommunikation zwischen beiden ablief. Wir haben viel trainiert und konnten am Ende eine positive Empfehlung an das Amt weiterleiten“, erzählt Treptow zurückblickend, „das Baby ist jetzt da und die Familie wird weiterhin ambulant betreut.“ Eine genutzte zweite Chance mit einem kleinen Happy End.

Marlies Treptow zeigt den Windelwechsel an einem Baby-Simulator

*Der Lions Club Borken spendete im vergangenen Jahr einen Baby-Simulator:
Borkener Zeitung, 09.09.2020, „Lions Club Borken unterstützt Projekt „Babybedenkzeit“


Informationen zum Projekt Baby-Bedenkzeit


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