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Olga Kudrjawzewas Arbeit

VISION FROM THE OTHER WORLDS

Parallelwelten, die auf engstem Raum existieren, ergeben ein unrealistisches Bild, das wir in unserem Alltagsleben nicht mehr
als wahrhaft erleben.

Diese Welten haben Auswirkungen auf unsere Identität und formen
unsere Persönlichkeit. Mehrmals am Tag überschreiten wir die Grenzen dieser Welten. Und auch auf Straßen treffen wir auf Überschneidungen dieser Parallelen, denen wir oft mit Vorsicht entgegenstehen. Unsere häusliche Welt empfinden wir als vertraut und heimisch.

Wenn wir jedoch morgens aufwachen und uns auf den langen Arbeitstag vorbereiten, haben wir oft mit Unzufriedenheiten und manchmal sogar mit Ängsten zu kämpfen.
Wir verlassen unser zu Hause und machen uns auf den Weg nach Draußen.
Auf den ersten Blick schaut diese Welt genau so aus, sie ist aber trotzdem ganz anders und nicht von uns bedacht. Sie ist ein Treffpunkt von Parallelwelten.
Denn Menschen wohnen in der gleichen Stadt und leben gleichzeitig auf völlig unterschiedlichen Planeten.
Sogar die Fenster der Häuser transformieren diese kleinen eigenständigen Welten.

Auf die Parallelwelten bin ich aus persönlichen Gründen aufmerksam geworden.
Als ich neun Jahre alt war, sind wir mit meiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gezogen. In eine vollkommen andere Welt, die erst mal vorsichtig erkundet werden musste, damit wir uns mit ihr vertraut machen konnten.
Jedoch wusste ich immer, dass ich ein Stück meiner Heimatwelt nach Deutschland mitgebracht habe, und auch dass gleichzeitig ein Stück von mir dort, in Kasachstan, geblieben ist.

Oft frage ich mich was aus meinem Leben geworden wäre, wenn mein Familie dort geblieben wäre, in einer absolut entgegen gesetzten Welt, die sich von unserer scheinbar stabilen westlichen Welt deutlich unterscheidet.
Das Korsett der Parallelwelten ist dort lockerer geschnürt. Diese Welten weisen dort einen noch viel größeren Kontrast zueinander auf als in Europa. Es ist aber kein verwunderliches Phänomen, denn dieses Land wurde in den letzten Jahren praktisch neu erfunden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion entstand plötzlich das unabhängige Land Kasachstan. Das offene Tor zwischen Europa und Asien.
Das mittelgroße Städtchen Zelinograd wechselte dreifach den Namen und wurde unter „Astana“ schließlich zu der neuen Hauptstadt.

Eine unglaubliche Entwicklungsflut überkam die gesamte städtische Umgebung.
Wolkenkratzer wuchsen in der Steppe. Es kamen neue, asiatische und europäische Einflüsse in das Land. Menschen verschiedenster Nationalitäten und Herkunft trafen aufeinander.

Jeder brachte ein Stück seiner eigenen Welt in eine neue noch ungeformte Sphäre nut, die unvorstellbare Parallelwelten zusammengeführt hat. Diese Sphäre hat aber auch nicht den eigentlichen Zelinogradischen Ursprung verloren. Dieser blieb wie im Kühlhaus erhalten, und zwar präzise wie vor zwanzig Jahren.

Unabhängig davon, in welcher der verschiedensten Parallelwelten man lebt, „Der Mensch ist immer das Porträt seiner Welt“.

In meiner fotografischen Arbeit möchte ich die besondere Beziehung und Bindung zwischen dem Menschen und seiner Umgebung aufzeigen sowie die Nachbarschaft der Parallelwelten.

Die Fotografien entstanden in Kasachstan, Astana, in einem Umkreis von 20km.

Gedicht:

Hinter dem benachbarten Loch des Siebes.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nasse Dächer.
Die Fenster der Häuser stehen dicht wie Löcher eines Siebes.
Gleich strukturiert aber völlig verschieden vom Leben und Farbe.

Jedes Fenster hat ein lebendes Herz, eine eigene Welt.
Berühre ich es leise, so spüre ich den Pulsschlag.

Meine Welt umfassen meine vier Wände.
Sie sind so dünn und empfindlich wie meine Haut.
Sie fühlen jeden Stein und hören das Atem des Nachbarn.

Wenn ich mein Fenster öffne, schrecke ich zurück.
Die städtische Hysterie durchdringt mein Körper.

Unser Leben besteht aus Parallelen.
Mein Werk ist in einem Land entstanden, in dem meine eigenen Parallelen verlaufen, in Kasachstan meinem Kindheitsplatz.
Olga Kudrjawzewa

     

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